Liebe Mitreisenden,

ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass ich das wieder schreiben kann. Ihr habt mir gefehlt! Und das Reisen erst…

Aaaber das Masterstudium liegt hinter mir… ähm… „uns“ soll ich schreiben und eine Woche später sind wir auch schon in den Flieger nach Johannesburg gestiegen. Ja richtig, diesmal ist es nicht Australien ;-).

Vor uns liegen knapp vier Wochen Südafrika, Swaziland und Lesotho. Die Reiseplanung ist übrigens featured by Mister Reisehas. Ich saß ja leider an meiner Masterarbeit. Lief bisher trotzdem alles ganz gut – also die Reise. Die Masterarbeit aber auch  :-).

Und irgendwie hatte jeder dem wir erzählt haben wo es hingeht, auch direkt Tipps für Johannesburg parat. Zusammenfassen kann man das wie folgt: Am besten nehmt ihr gar kein Gepäck mit, weil euch das sonst gemopst wird. Lauft nur bei Tag rum, seid extrem vorsichtig und sobald es dunkel wird – versteckt euch oder schließt euch ein. Allerdings war bisher jeder von Südafrika begeistert und schwärmte vom Land und den Menschen.

Ich muss sagen, dass klang echt vielversprechend. Aber mittlerweile kennt ihr uns ja schon ganz gut. Wir lassen uns nicht so leicht abschrecken. Und natürlich sind wir mit einer sehr gesunden Vorsicht durch Johannesburg gelaufen.

Was soll ich sagen – es war unfassbar beeindruckend und lehrreich.

Diese Stadt werden wir nie vergessen.

Aber der Reihe nach.

Nach insgesamt 13 Stunden Flug (Frankfurt am Main – London – Johannesburg) ging es direkt zum Mietwagenverleih, um unser Gefährt für die nächsten Wochen abzuholen. Achtung: Solltet ihr direkt bei der Buchung eures Wagens eine Versicherung abgeschlossen haben, lasst euch bloß keine Zweite andrehen. Das hat man bei uns sehr vehement versucht. Wir haben unseren Wagen mit Check24 gebucht und dazu gab es direkt eine Lektion in „Mietwagenenglisch“. Die haben wir auch direkt gebraucht. Was ihr extra zahlen müsst, sind Grenzübergänge z.B. nach Swaziland und Lesotho. Witzig war auch, dass man uns ein Navi für 99 Rand am Tag (ca. 6 €) andrehen wollte. Das haben wir abgelehnt, haben ja schließlich die gute, alte Straßenkarte dabei. Als wir im Auto saßen, mussten wir dann feststellen, dass ein fest installiertes Navi drin ist. Also Augen auf beim Auto mieten :-).

An dieser Stelle muss ich Christian mal ganz außerordentlich loben. Todesmutig hat er sich in das Verkehrschaos in Johannesburg gestürzt und ist ohne mit der Wimper zu zucken direkt brav links gefahren. Und das bei absolutem Schlafmangel. Da habe ich nicht schlecht gestaunt. Eigentlich wollten wir direkt zum Apartheid Museum, weil das quasi auf dem Weg zu unserer Airbnb Unterkunft in Melville lag. Aber Rod und Muffy – unsere Hosts – haben uns empfohlen, unser Gepäck erstmal bei ihnen abzuliefern, da aus Autos wohl gerne mal Gepäck verschwindet, wenn man nicht aufpasst.

Rod und Muffy waren einfach einzigartig. Sie haben uns aufgenommen, als gehörten wir zur Familie. Mit so einer knuffigen und herzlichen Begrüßung hatten wir nicht gerechnet. Sogar unser Kühlschrank war mit allem gefüllt, was man für ein Frühstück braucht. Und Rod hat uns immer mit Wasser und seinen selbstgebackenen Keksen versorgt. Das Viertel in dem die beiden wohnen ist super schön. Was aber direkt auffällt ist, dass alle Häuser entweder von Zäunen mit Stacheldraht, oder Elektrozäunen umgeben sind. Jedes Haus hat Warnhinweise und Schilder der beauftragten Sicherheitsfirma, deren Alarmsystem sie nutzen, an der Hauswand.

Da die Polizei wohl selten bis nie kommt wenn man sie ruft, sind Sicherheitsfirmen in Johannesburg eine Goldgrube. Es wird auch regelmäßig Streife gefahren. Als wir Rod darauf angesprochen haben, dass ja schon alles ziemlich abgeschottet ist und ob das an der hohen Kriminalitätsrate in Johannesburg liegt, meinte er nur: „Oh no, but we like to keep it private“. Ja, so kann man das auch ausdrücken…

Neben dem Haus geht eine Treppe hoch zum Melville Koppies Nature Reserve. Wir dachten irgendwie, wir könnten dort ganz entspannt herumlaufen. Pustekuchen, wie die Kraxelbilder von mir zeigen.

Tatsächlich haben wir es an dem Tag noch geschafft, das Apartheid Museum zu besuchen.

Direkt am Eingang des Museums gibt es getrennte Eingänge für Weiße und Nicht-Weiße. Ich stand erstmal ein wenig ratlos davor. Natürlich streift man die Zeit der Apartheid kurz in der Schule. Aber diese Trennung so direkt vor Augen zu haben, war ziemlich unerträglich. Im Museum bekamen wir schon mal einen guten Einblick in die Geschichte Südafrikas und das Leben von Nelson Mandela. Es ist wirklich eine große Menge an Information, aber es lohnt sich absolut.

Anschließend sind wir erstmal zurück in unser Zimmerchen – kurz ausruhen. Rod hat uns dann auch gleich mit jeder Menge Restauranttipps versorgt.

Als Vegetarier hat man es hier nicht ganz so leicht.

Die typischen Nationalgerichte sind alle fleischhaltig. Christian muss sich also allein durch alles durchprobieren. Glücklicherweise gab es im Lucky Bean beides. Vegetarisches Essen und Flaiiiisch :-). Ich habe selten so gutes, vegetarisches Essen gegessen. Fast hätten wir noch die Teller abgeleckt.

Zwar soll man als Tourist lieber nicht im Dunkeln durch die Straßen laufen, wir hatten aber nur einen Fußweg von 3 Minuten bis nach Hause. Und haben es einfach gewagt. Uns ist nichts passiert, wir wurden lediglich ein paar Mal nett gegrüßt. Das heißt jetzt nicht, dass man jederzeit, überall und vor allem nachts durch Johannesburg spazieren sollte. Aber man sollte auch nicht ständig in Angst leben und sich bei jedem Geräusch umdrehen. Einfach aufmerksam sein, die Umgebung im Blick behalten und den Urlaub genießen.

An unserem zweiten Tag in Johannesburg wollten wir möglichst viel von der Stadt sehen, ohne immer mit dem Reiseführer in der Hand durch die Straßen zu irren.

Es ist doch alles ganz schön weitläufig und kann einen etwas überfordern.

Da wir keine Freunde der Hop-On Hop-Off Busse sind, haben wir uns für den Tag einen Guide bei Cashan Africa gebucht. Henry war wirklich eine Wucht. Er war früher Feuerwehrmann in Johannesburg und Soweto, ist aber mittlerweile seit über 20 Jahren Tourguide. Und man kann sagen, dass er in der Stadt bekannt ist, wie ein bunter Hund. Henry hat uns morgens um 09:00 Uhr mit seinem kleinen aber auffälligen Bus abgeholt, denn überall sind Leoparden-Pfoten darauf. Auf dem Weg nach Maboneng bekamen wir einen Abriss über die südafrikanische Geschichte. Maboneng ist ein ehemaliges Industriegebiet, das heute vor moderner Architektur nur so strotzt. Alle großen Banken, die etwas auf sich halten, sind hier ansässig. Im Nachhinein glaube ich, dass Henry uns mit Absicht erst die wohlhabenden Gebiete Johannesburgs gezeigt hat. Das machte den Kontrast später um so größer.

Ab jetzt könnte es mit der Reihenfolge unseres Programms abenteuerlich werden – es war einfach irre viel.

Auf jeden Fall sind wir über die Nelson Mandela Bridge gefahren, die längste Stahlseilbrücke Südafrikas und auf jeden Fall ein Wahrzeichen Johannesburgs. Im Stadtteil Houghton haben wir einen Stopp bei Mandelas ehemaligem Haus eingelegt und eine Botschaft an ihn auf den Steinen vorm Haus hinterlassen. Dort habe ich auch diesen wunderschönen Baum fotografiert. In diese Bäume habe ich mich ja schon in Sydney verliebt. In Johannesburg stehen sie tatsächlich an jeder Ecke. Die Stadt ist von oben also schön lila getupft. Das Fachwort für diese Bäume ist übrigens Jacaranda :-).

Einen schönen Überblick über die Stadt hatten wir im 50. Stock des Carlton Center. Der Aussichtspunkt wird auch Top of Africa genannt – es ist mit 223 Metern tatsächlich das höchste Gebäude Südafrikas. Am Gandhi und am Marshall Square vorbei machten wir uns auf dem Weg zum Faraday Cultural Market.

Hier ist Aussteigen nicht wirklich empfohlen. Aber man sieht auch aus dem Auto heraus sehr viel. Auf diesem Markt wird alles angeboten, was man für die Schwarze Kunst benötigt. Von Pythonhaut bis Leopardenfell und Kräuter ohne Ende. Der Verkauf diverser Tierteile ist eigentlich nicht erlaubt, der Markt wird aber geduldet. Deshalb bitte keine Fotos aus dem Auto heraus machen, da reagieren die Marktbetreiber seeehr allergisch drauf.

Apropos Kontraste. Die Fahrt durch die Lower City war wieder eine ganz andere Welt, als die die wir aus Melville und Maboneng kannten. Henry meinte zu Beginn nur: Hier niemals aussteigen, an Ampeln immer extrem aufpassen, ob sich jemand nähert. Wenn man sich unwohl fühlt einfach bei Rot fahren und…wir werden die einzigen Weißen sein. Übrigens gibt es kaum Touranbieter die sich hier hin trauen, dies ist der abenteuerliche Part unserer Tour.

Ganz so schlimm wie angekündigt war es dann nicht. Henry war selbst überrascht, wie sauber es an dem Tag in diesem Teil der Stadt war. Was auffällt, ist dass sich alles auf den Straßen abspielt. Es wird gesungen und getanzt, oder einfach den ganzen Tag in der Sonne gesessen. Bei 30% Arbeitslosigkeit ist das Stadtbild tatsächlich von vielen Obdachlosen geprägt, die teilweise durch Jonglier- und Tanzeinlagen an Ampeln versuchen, von einem ein paar Rand zu bekommen. Viele nehmen auch Nyaope, eine gefährliche Droge aus Marihuana, Heroin, Rattengift und Chlor – da ist Vorsicht geboten. An den Inhaltsstoffen erkennt ihr schon, dass man von diesen Leuten lieber Abstand hält.

Armut auf einem ganz anderen Level haben wir dann in Soweto gesehen. Soweto ist die Abkürzung für South West Townships. Früher wurden Arme und Kranke nach Soweto zwangsumgesiedelt und für Touristen war diese Gegend viel zu gefährlich. Heute fahren sogar Hop-on Hop off Busse durch Soweto und auch das Fußballstadion der WM 2010 findet man hier. Hinzu kommen die Orlando Towers, ausgediente, bemalte Kraftwerkstürme von denen man sich heute an einem Bungeeseil in die Tiefe stürzen kann.

Auch Soweto ist ein Ort der Gegensätze. Man findet viele Häuser, in denen wohlhabende Südafrikaner leben. Dann sog. Matchbox Homes, das sind kleine Häuschen, die die Regierung Schwarzen in der Zeit der Apartheid zu einem günstigen Preis zur Verfügung gestellt hat…und Unmengen an „Shacks“ in denen die Ärmsten der Armen leben. Häufig nur Wellblechhüttchen, die dicht an dicht aneinandergereiht sind – und irgendwo findet sich ein Stromkasten, an dem dann alle illegal abzapfen.

Besucht haben wir auch Nelson Mandelas Haus in Soweto, in das er nach seiner Haftentlassung für 11 Tage zurückgekehrt ist. Da er jedoch täglich hunderte Anhänger vor diesem Haus stehen hatte, ist er letztendlich nach Johannesburg gezogen. Unser Guide meinte, an einem der Gedenksteine für Mandela, dass das RIP für Return If Possible steht. Nelson Mandela ist hier auch Jahre nach seinem Tod noch allgegenwärtig. Er inspiriert auch heute noch viele Südafrikaner und sorgt dafür, dass sie die Hoffnung auf ein gerechteres Südafrika, ohne Rassenunterschiede nicht verlieren.

Beeindruckt hat uns auch das Hector Pieterson Memorial und das zugehörige Museum. Es erinnert an den 13-jährigen Jungen, der 1976 bei einem Studentenaufstand in Soweto erschossen wurde. Tausende Schüler und Studenten demonstrierten damals gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache in den Schulen für Schwarze. Afrikaans ist eine Mischung aus portugiesisch, niederländisch, französisch, englisch und deutsch und war für die Schwarzen damals die Sprache der Unterdrücker. Der friedliche Protest wurde von der Polizei damals brutal niedergeschlagen, und es gab am Ende mehrere Hundert tote Studenten. So erschreckend die Bilder dieses Unabhängigkeitskampfes auch waren, so machen sie doch Mut, dass man etwas bewegen kann, wenn man fest an eine Sache glaubt.

Zum Abschluss unserer Tour waren wir noch im Sakhumzi Restaurant in Soweto und haben uns am Buffet durch sämtliche Nationalgerichte probiert – soooooo lecker.

Tja und damit war unsere Zeit in Johannesburg auch schon rum… Obwohl wir vorher so viele negative Dinge über Johannesburg gehört hatten, muss ich sagen, dass mich die Stadt gerade wegen ihrer Kontraste so nachhaltig beeindruckt hat. Ich habe mich in keinem Moment unsicher gefühlt, alle Begegnungen mit den Bewohnern Johannesburgs waren durchweg freundlich. Tatsächlich wären wir gerne noch länger geblieben. Aber die Reise geht weiter – zum Blyde River Canyon.

Fernwehreiche Grüße,

eure Frau Reisehas